Gemeinsam auf dem Weg: Schul- und Unterrichtsentwicklung an der Anger-Grundschule Hof
Jedes Kind lernt anders. Jedes Kind bringt eigene Stärken, Interessen und Potenziale mit. An der Anger-Grundschule in Hof in Oberfranken prägt diese Überzeugung seit vielen Jahren das pädagogische Handeln des Kollegiums. Jahrgangsgemischte Klassen, selbstständiges Lernen nach reformpädagogischen Prinzipien, ein gebundener Ganztag und vielfältige Lernangebote schaffen einen Rahmen, in dem Kinder entsprechend ihren individuellen Voraussetzungen lernen können. Kinder mit besonderen Begabungen werden hier nicht getrennt gefördert, sondern lernen gemeinsam mit ihren Mitschüler:innen und erhalten zusätzliche Möglichkeiten, ihre Fähigkeiten weiterzuentwickeln, u.a. gibt es eine jahrgangsgemischte Eingangsstufen sowie Angebote neben dem regulären Unterricht wie Werkstattarbeit in Mathematik und Deutsch, Figuren- und Tanztheater oder Forschen.
Seit 2018 ist die Anger-Grundschule Teil der Bund-Länder-Initiative „Leistung macht Schule“. Gemeinsam mit dem LemaS-Forschungsverbund entwickelte das Kollegium seine Konzepte zur Begabungs- und Leistungsförderung kontinuierlich weiter. Heute begleitet die Schule als Multiplikatorschule andere Schulen in LemaS-Transfer und teilt ihre Erfahrungen in regionalen Netzwerken. Im Mittelpunkt der gemeinsamen Entwicklungsarbeit stehen unter anderem die Gestaltung begabungsfördernden Unterrichts mit literarischen Gesprächen sowie die Methode Lesson Study als weiteres Instrument der Unterrichtsentwicklung.
Schulleiterin Simone Eichner und die stellvertretende Schulleiterin Katja Altieri geben Einblicke in den Entwicklungsweg der bayrischen Grundschule. Das Interview entstand im Rahmen eines Hospitationstags an der Lucas-Cranach-Grundschule Kronach.
Begabungsförderung ist eine Frage der Haltung
Für Schulleiterin Simone Eichner beginnt Begabungs- und Leistungsförderung nicht mit einem Förderprogramm, sondern mit der Haltung gegenüber den Kindern. Die Vielfalt der Kinder ist für die Anger-Grundschule keine Herausforderung, sondern Ausgangspunkt ihrer pädagogischen Arbeit: „Unser Ziel ist es, jedes Kind entsprechend seinen Möglichkeiten zu fördern und Lernräume zu schaffen, in denen sich Potenziale entfalten können.“
Bereits vor der Teilnahme an „Leistung macht Schule“ hat sich die Anger-Grundschule Hof auf den Weg einer begabungsfördernden Schule gemacht. Für diesen Weg hat LemaS neue Impulse gegeben, die bestehenden Konzepte mit wissenschaftlicher Begleitung weiterzuentwickeln und zu erproben. Dabei rückte vor allem die Gestaltung von potenzialorientierten Unterricht stärker in den Mittelpunkt.
Gemeinsam auf das Lernen der Kinder schauen
Ein Beispiel für diese gemeinsame Unterrichtsentwicklung sind die Literarischen Gespräche, die an der Anger-Grundschule im Rahmen von LemaS im Unterricht verankert wurden. Dabei handelt es sich um literarische Unterrichtsgespräche im Fach Deutsch, die mit Hilfe der Wortkünstler-Materialien bedarfsorientiert und begabungsfördernd geplant, durchgeführt und reflektiert werden. Dieser Ansatz wurde mit einem weiteren LemaS-Schwerpunkt verbunden. Das Konzept Lesson Study ist eine Form der kooperativen Unterrichtsentwicklung. Beide Ansätze unterstützen das Kollegium dabei, den Blick stärker auf die Lernprozesse der Kinder zu richten und Unterricht gemeinsam weiterzuentwickeln.
So können Sie die Methoden ausprobieren:
Handreichung zur Unterrichtsstunde
„Wenn man selber als Gesprächsleitung in so einem literarischen Gespräch drin ist, ist man sehr mit sich selber beschäftigt. (…) Da ist es total hilfreich, wenn mal andere Experten außen rum sitzen, die auf ganz bestimmte Dinge ihren Fokus legen können und dann Feedback geben können.“
Auch Katja Altieri sieht darin einen großen Gewinn für die Unterrichtsentwicklung. „Es wird ja quasi ein Kind angeguckt und zu welcher Zeit im Unterricht die Aktivierung hoch ist oder wo sie mal abfällt.“ Die gemeinsame Beobachtung und anschließende Reflexion schaffen neue Perspektiven und stärken zugleich die professionelle Zusammenarbeit im Kollegium.
Veränderung gelingt im Team
Wie schafft es eine Schule, Begabungs- und Leistungsförderung dauerhaft im Unterricht und im Kollegium zu verankern? Für Simone Eichner beginnt Schulentwicklung immer mit den Menschen, die sie gestalten: „Schulen, die sich auf den Weg machen wollen, brauchen auf jeden Fall ein Team, das sich dafür begeistern kann.“ Gemeinsam werden Ideen entwickelt, ausprobiert und reflektiert. Dabei ist es wichtig, Veränderungen nicht als zusätzliche Aufgabe zu verstehen, sondern bewusst Prioritäten zu setzen: „Etwas anderes darf oder muss dann auch weg, sonst wird es zu viel, wenn man immer noch etwas draufpackt.“
Gleichzeitig müsse der Mehrwert neuer Konzepte sichtbar werden – für die Unterrichtsentwicklung, für die Professionalisierung der Lehrkräfte und vor allem für die Kinder.
Erfahrungen teilen und Verbündete suchen
Heute bringt die Anger-Grundschule ihre Erfahrungen als Multiplikatorschule in den LemaS-Transfer ein. Im Netzwerk mit anderen Schulen werden Unterrichtsideen erprobt, Erfahrungen geteilt und Entwicklungsprozesse gemeinsam reflektiert. „Über den persönlichen Austausch kommen wir dann ganz schnell in den fachlichen Austausch“, sagt Simone Eichner.
Tragend im Netzwerk sei dabei vor allem die Bereitschaft, gemeinsam Neues auszuprobieren: „Ich denke, dass es unerlässlich ist, wenn man das als Kollegium beginnen möchte, dass man sich Verbündete sucht, Multiplikatoren, die dasselbe Ziel haben wie man selber“, meint Katja Altieri.
Ihre Kollegin ergänzt und weist auf die wichtige Rolle der Schulleitungen bei der Transfer- und Netzwerkarbeit hin: „Bei einer Vernetzung von zwei Schulen braucht es unbedingt die Unterstützung der beiden Schulleitungen, die sich auch vernetzen, die das Ganze koordinieren, die Kolleginnen und Kollegen dafür freistellen und das wertschätzen.“
Einfach anfangen, mit guter Laune und Ausdauer
Die bayerische Grundschule zeigt, dass nachhaltige Begabungs- und Leistungsförderung nicht mit einer einzelnen Methode beginnt. Sie entsteht dort, wo Kollegien gemeinsam Verantwortung übernehmen, Unterricht kontinuierlich weiterentwickeln und den Mut haben, Veränderungen Schritt für Schritt zu gestalten. Genau diese Erfahrungen gibt die Schule heute in LemaS-Transfer an andere Schulen weiter.
Was rät sie anderen Schulen, die sich selbst auf den Weg machen möchten? Die Antwort der Schulleiterin fällt überraschend einfach aus:
„Man muss einfach mal anfangen und das ausprobieren. Man muss sich trauen, Erfahrungen zu sammeln und vielleicht auch mal einen Umweg zu gehen oder wieder einen Schritt zurückzumachen.“
Auch Katja Altieri hat eine klare Botschaft: „Gute Laune und Ausdauer ist erforderlich, um gemeinsam den Weg anzutreten.“
Sie möchten die Methoden ausprobieren?
- Simone Eichner, Schulleiterin
- Katja Altieri, stellvertrende Schulleiterin
- Angerschule Hof



