LemaS in Gesichtern – Interview mit Dr. Mirjam Maier-Röseler
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Wer sind die Menschen hinter LemaS? Was treibt sie an und welchen Herausforderungen begegnen sie im Bildungssystem? In der Reihe „LemaS in Gesichtern“ geben Wissenschaftler:innen Einblicke in ihre Arbeit im Forschungsverbund, teilen ihre persönliche Perspektive auf Begabungsförderung und zeigen, wie Wissenschaft zur Weiterentwicklung von Schule und Unterricht beitragen kann.
Heute im Gespräch: Dr. Mirjam Maier-Röseler, wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Pädagogischen Hochschule Karlsruhe.

Wie kann Schule zu einem Ort werden, an dem unterschiedliche Stärken, Interessen und Perspektiven ihren Platz finden? Um das zu beantworten, betrachtet Mirjam Maier-Röseler nicht nur die Potenziale von Kindern und Jugendlichen, sondern schaut auch auf die vielfältigen Gestaltungsräume und die Barrieren, die ermöglichen oder verhindern können, dass diese Potenziale sichtbar werden und sich entfalten. Denn manchmal sind es die Strukturen, Erwartungen oder etablierte Routinen, die die Entwicklungsmöglichkeiten von Schüler:innen begrenzen. Mirjam Maier-Röseler richtet deshalb ihre Aufmerksamkeit auf die Menschen, die Schule gestalten: auf ihre Erfahrungen, Ideen und unterschiedlichen Perspektiven und auf die Möglichkeiten, Verantwortung zu übernehmen und Veränderung anzustoßen. Ihre Forschung verbindet Fragen der Begabungsförderung mit Schulentwicklung, Professionalisierung und Transfer. Für Mirjam Maier-Röseler entsteht Schulentwicklung nicht am Reißbrett, sondern dort, wo Menschen sich gemeinsam Fragen stellen, Gewohntes prüfen, sich Veränderungen zutrauen und Neues erproben. Denn nur so kann eine Schulkultur entstehen, in der Vielfalt als Chance verstanden wird und alle Schüler:innen die Möglichkeit erhalten, ihre Potenziale zu entfalten.
Aktuell ist Mirjam Maier-Röseler als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Projekt Leistung macht Schule (LemaS) an der PH Karlsruhe tätig. Ihre Arbeit bewegt sich zwischen Forschung, Schulentwicklungsberatung, Professionalisierung und Netzwerkbegleitung. Dabei untersucht sie Begabungsförderung als Gegenstand schulischer Praxis und wie Erkenntnisse aus Forschung und Praxis durch eine enge Zusammenarbeit nachhaltig in Schulen wirksam werden können.
Im Interview spricht Mirjam Maier-Röseler über eine potenzialorientierte Haltung, die Relevanz eines gemeinsamen Begabungsverständnisses und darüber, warum es ihr ein Anliegen ist, Schulen in ihrem individuellen Entwicklungsprozess zu unterstützen.
Frau Maier-Röseler, in Ihrem Vortrag bei der LemaS-Jahrestagung 2026 haben Sie betont: Begabungsförderung ist kein Konzept von der Stange. Was bedeutet das für Schulen, die sich auf den Weg machen wollen?
Unsere Erfahrung in LemaS ist vor allen Dingen, dass Schulen sehr unterschiedlich sind. Unterschiedliche Menschen arbeiten dort, es gibt unterschiedliche etablierte Strukturen und Schwerpunkte, und natürlich sind auch die Kinder und Jugendlichen sowie die Elternhäuser an den Schulen sehr unterschiedlich. Deshalb tue ich mich schwer mit der Vorstellung, Begabungsförderung sei eine Methode oder ein Konzept, das man eins zu eins von einer Schule auf die nächste übertragen kann.
Begabungs- und Leistungsförderung geht für mich vor allen Dingen von einer potenzialorientierten Haltung aus: dass man allen Kindern zutraut, etwas zu können und in unterschiedlichen Bereichen Leistung zeigen zu können. Diese Haltung konkretisiert sich aber in der jeweiligen Einzelschule. Das Kollegium und die Schulgemeinschaft müssen gemeinsam überlegen: Wo stehen wir? Was bedeutet das für uns? Wie wollen wir das konkret umsetzen? In dieser gemeinsamen Aushandlung entwickelt sich eine begabungsfördernde Schulkultur.
Welche Rolle spielt das gemeinsame Verständnis von Begabung für die pädagogische Arbeit in Schule?
Eine Voraussetzung für eine begabungsfördernde Haltung ist für mich […], dass man sich über das Begabungsverständnis austauscht und sich fragt: Was verstehen wir überhaupt unter Begabung? Je nachdem, was Begabung für mich ist, habe ich ein anderes Bild von Kindern und Jugendlichen und andere Erwartungen daran, was sie zeigen müssen, um als begabt anerkannt zu werden. Das hat Konsequenzen für die pädagogische Praxis, weil dieses Verständnis das eigene Handeln steuert.
Deshalb ist es wichtig, dass sich Schulgemeinschaften gemeinsam an einen Tisch setzen und klären: Was verstehen wir unter Begabung? Welche Kinder wollen wir erkennen? Sollen wir alle Kinder erkennen? Welchen Kindern wollen wir besondere Aufmerksamkeit schenken?
Aus der Begabungsforschung wissen wir, dass Kinder und Jugendliche teilweise nicht als begabt erkannt werden, weil ihr Verhalten nicht mit unseren persönlichen Sozialisationen und Erwartungen übereinstimmt.
Warum ist Partizipation ein entscheidender Faktor für eine begabungs- und leistungsfördernde Schulentwicklung?
[Ein wichtiger] zentraler Punkt ist für mich gelebte Partizipation: Alle sollten an diesen Diskussionen beteiligt und Teil der Schulgestaltung sein, und gemeinsame Verantwortung sollte gelebt werden. Denn nur so kann man sich mit Dingen identifizieren, die man gemeinsam entscheidet.
Schulentwicklung braucht Zeit. Was hilft Schulen dabei, dranzubleiben?
Begabungsfördernde Schulentwicklung passiert nicht von heute auf morgen, sondern ist ein kontinuierlicher und langfristiger Prozess. Für mich ist sie vielleicht eher ein Weg als ein Ziel. Diesen Weg kann man trotz der Rahmenbedingungen, die auch die Bildungspolitik vorgibt, gestalten. Sich darauf einzulassen und bewusst wahrzunehmen, dass man diesen Weg gestalten kann, ist für mich entscheidend für die Entwicklung hin zu einer begabungs- und leistungsfördernden Schule.
Die Schritte an Schulen sind dabei ganz unterschiedlich: Manche beginnen innerhalb eines Faches, andere arbeiten zunächst an einem gemeinsamen Begabungsverständnis, und daraus ergeben sich neue Möglichkeiten. Schulentwicklung verläuft dabei selten geradlinig, sie kennt Umwege, Kehrtwenden und Schleifen, Phasen der Kontinuität ebenso wie Pausen und Neuanfänge. Wie der Entwicklungsweg aussieht, das entscheiden die Akteur:innen selbst, unter Berücksichtigung ihrer Rahmenbedingungen, Bedarfe und Ziele. Keine Schule beginnt dabei bei null. Oft braucht es nur einen bewussten Blick auf das Vorhandene und eine veränderte Sichtweise, um zu erkennen: Auch wir tun schon etwas im Bereich der Begabungsförderung.
Wenn Sie an die Schulen denken, mit denen Sie arbeiten – was erleben Sie dort?
Das Schöne ist, dass ich viele Schulen sehe, denen das gelingt: Schulen, in denen Schüler:innen ihren Lernweg mitgestalten, Fragen stellen, neugierig sind, Aha-Erlebnisse haben, Fehler als Teil des Lernens wahrnehmen, sich weiterentwickeln, dabei über sich hinauswachsen und Selbstwirksamkeit erleben. Eine Schulleitung hat mir erst kürzlich von einem Kind erzählt, das an seiner früheren Schule viele schlechte Erfahrungen gemacht hatte. Nach dem Wechsel fiel es ihm enorm schwer, sich auf Aufgaben einzulassen, die es als schwierig empfand. Ihm fehlte das Zutrauen: Ich kann etwas. An dieser Schule gibt es ein Konzept, das dem Freiday ähnelt: In Lernateliers arbeiten die Schüler:innen an eigenen Fragestellungen. Dieses Kind hat dort begonnen, eigene Ziele zu entwickeln und ihnen nachzugehen. Plötzlich gehörten Fehler dazu, und es blieb mit enormer Ausdauer am Thema. Am Ende hat es ein ferngesteuertes Auto gebaut. Diese Erfahrung nimmt das Kind mit in den Fachunterricht und es gelingt ihm auch dort immer besser, nicht mehr gleich aufzugeben. Solche konkreten Beispiele werfen die Frage auf, was es mit Kindern und Jugendlichen macht, wenn sie immer nur hören und erleben: Das kann ich nicht und dafür bin ich nicht gut genug. Und wie anders ist die Perspektive, wenn sie plötzlich erleben: Ich darf mir etwas zutrauen, ich kann etwas bewirken, ich kann Stärken entwickeln und Leistung zeigen.
Viele Lehrende fragen sich, wie man als Lehrperson bei Klassenstärken von über 30 Kindern jedem Kind individuelle Lernangebote machen kann. Die Herausforderungen sind groß …
Begabungsförderung bedeutet nicht, dass eine Lehrperson für 31 Schüler:innen 31 individuelle Lernwege plant. Vielmehr geht es darum, Raum für unterschiedliche Lerngeschichten zu öffnen und Schüler:innen zunehmend Verantwortung für ihr eigenes Lernen übernehmen zu lassen. Das kann keine Lehrperson allein leisten. Es braucht Kolleg:innen, die sich austauschen, Erfahrungen teilen und gemeinsam Unterricht weiterentwickeln, und es braucht Strukturen, die Begabungsförderung möglich machen. Mir ist dabei wichtig, dass Begabungsförderung systematisch erfolgen und schulweit verankert sein und nicht vom Engagement Einzelner abhängen sollte. Natürlich beginnt Entwicklung oft bei einigen wenigen Personen, aber sie darf dort nicht stehen bleiben. Sonst gleicht es an einer Schule einem Roulette-Spiel, ob Potenziale zugesprochen, erkannt und gefördert werden. Habe ich das Glück, dass ich von einer Lehrperson unterrichtet werde, die Begabungsförderung wichtig findet und umsetzt oder nicht? Erst wenn Begabungsförderung zentraler Bestandteil der pädagogischen Praxis einer Schule ist und auch nicht ausschließlich als Zusatzangebot für einige wenige neben dem Regelunterricht etabliert wird, erhalten alle Kinder und Jugendlichen immer wieder Chancen und Möglichkeiten.
Zum Abschluss noch eine persönliche Frage: Was treibt Sie an, sich für die Entwicklung potenzialorientierter Schulen einzusetzen?
Mich treibt die Frage an, wie Schule aussehen kann, damit alle Kinder und Jugendlichen erfahren: Ich kann etwas, ich kann mich entwickeln, ich kann etwas bewirken und ich werde wertgeschätzt. Diese Erfahrungen sind für mich die Grundlage dafür, dass junge Menschen ihren eigenen Weg gehen und Gesellschaft aktiv mitgestalten können. Mein Verständnis von Begabungsförderung kategorisiert nicht, sondern schließt alle Kinder und Jugendlichen ein, mit ihren biografischen Erfahrungen, ihren Lernvoraussetzungen und -bedarfen und ihren individuellen Lernwegen – und das bedeutet auch, die Schüler:innen in den Blick zu nehmen und gezielt zu fördern, die bereits Leistung zeigen. Das hat Konsequenzen für den Leistungsbegriff: Leistung muss in ihrer Vielfalt sichtbar und anerkannt werden, nicht nur dort, wo sie sich vermeintlich leicht messen lässt. In meiner persönlichen Wahrnehmung wird Begabung im Schulalltag oft noch zu sehr an bereits sichtbaren Leistungen festgemacht, statt sie als Potenzial zu verstehen. Außerdem gehen wir bei der Anerkennung vielfältiger Potenziale noch sehr selektiv vor – etwa durch die unterschiedlich starke Akzentuierung und Wertschätzung einzelner Fächer.
Begabungsförderung braucht für mich drei Dinge: Einen echten Blick auf die Kinder und Jugendlichen mit ihren vielfältigen Potenzialen, ein Zutrauen in ihre Möglichkeiten und eine förderliche sowie anerkennende Lernumgebung. Diese erwartet nicht von allen dasselbe, eröffnet aber allen die Chancen, die nötig sind, um individuelle Potenziale zu entfalten und sich weiterzuentwickeln. Für leistungsstarke Schüler:innen bedeutet das gerade nicht immer noch mehr vom Gleichen. Das alles ist für mich auch eine Frage von Bildungsgerechtigkeit.
Der zweite Antrieb ist die Zusammenarbeit mit den Akteur:innen aus der Praxis, die ich als absolut bereichernd und wertvoll empfinde. Ich begegne dabei vielen motivierten Menschen: Schulleitungen, Lehrpersonen, pädagogischen und psychologischen Fachpersonen, aber auch Eltern, Schüler:innen und weiteren Akteur:innen. Mit dem Fokus auf Schulentwicklung wird immer wieder deutlich, dass sie sich nicht von außen steuern lässt. Impulse und Begleitung können unterstützen, ihren eigentlichen Wert gewinnt Schulentwicklung aber von innen, durch die Menschen, die zusammenarbeiten, sich engagieren und die eigenen Stärken etwa als Teacher Leader bewusst einbringen.
Ich möchte mit diesen Menschen gemeinsame Schätze heben, Perspektiven wechseln, Veränderungen begleiten und Schulen vernetzen. Und ich möchte dazu ermutigen, sich auf den Weg zu machen und Begabungsförderung zu leben.
Wir bedanken uns für das Gespräch!
Dr. Mirjam Maier-Röseler arbeitet am Institut für Allgemeine und Historische Erziehungswissenschaft der Pädagogischen Hochschule Karlsruhe. Als promovierte Bildungswissenschaftlerin beschäftigt sie sich mit Potenzialentfaltung, Begabungsförderung und Schulentwicklungsprozessen. Kinder und Jugendliche möchte sie darin bestärken, ihre eigenen Möglichkeiten zu entdecken, Verantwortung zu übernehmen und ihre Umwelt aktiv mitzugestalten.
