LemaS in Gesichtern – Interview mit Eva Kalinowski
Wer sind die Menschen hinter LemaS? Was treibt sie an und welchen Herausforderungen begegnen sie im Bildungssystem? In der Reihe „LemaS in Gesichtern“ geben Wissenschaftler:innen Einblicke in ihre Arbeit im Forschungsverbund, teilen ihre persönliche Perspektive auf Begabungsförderung und zeigen, wie Wissenschaft zur Weiterentwicklung von Schule und Unterricht beitragen kann.
Heute im Gespräch: Eva Kalinowski, Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Potsdam

Wenn Lehrpersonen zusammenkommen, um Unterricht nicht nur zu organisieren, sondern gemeinsam zu durchdenken, entsteht ein Raum für neue Ideen, für ehrliche Reflexion und für gegenseitige Unterstützung. In einer solchen Zusammenarbeit liegt ein oft unterschätzter Schlüssel für gelingende Unterrichtsentwicklung – getragen von Vertrauen, Offenheit und dem gemeinsamen Anspruch, Lernen für alle Schülerinnen und Schüler zu verbessern. Dr. Eva Kalinowski ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Arbeitsbereich Empirische Unterrichts- und Interventionsforschung an der Universität Potsdam – und genau solche Kooperationsmomente stehen im Zentrum ihrer Arbeit. Im Forschungsverbund LemaS-Transfer widmet sie sich der grundlegenden Frage: Wie kann eine potenzialorientierte Zusammenarbeit von Lehrpersonen gelingen?
Ihr Arbeitsschwerpunkt in LemaS-Transfer liegt in der Professionalisierung von Lehrpersonen mit der Lesson Study Methode. Gemeinsam mit ihrem Team, das unter der Leitung von Prof. Dr. Miriam Vock arbeitet, verfolgt sie ein klares Ziel: Lehrpersonen darin zu unterstützen, Unterricht gemeinsam weiterzuentwickeln. Lesson Study dient dabei als strukturierter Rahmen, der in der Unterrichtspraxis ansetzt und die kollegiale Zusammenarbeit von Lehrpersonen stärkt. In mehrwöchigen Zyklen planen Lehrpersonen gemeinsam eine Unterrichtsstunde, beobachten gezielt das Lernen ihrer Schüler:innen und reflektieren anschließend ihre Erkenntnisse. So entsteht ein kontinuierlicher Prozess der Weiterentwicklung, der von Austausch, Perspektivvielfalt und wissenschaftlicher Begleitung geprägt ist.
Im folgenden Interview gibt Eva Kalinowski Einblicke in ihre Arbeit im Forschungsverbund LemaS-Transfer und teilt ihre ganz persönliche Sicht darauf, wie Lehrpersonen mithilfe von Lesson Study Begabungsförderung im Schulalltag umsetzen können.
Frau Kalinowski, welches zentrale Thema oder welche Herausforderung steht im Mittelpunkt Ihrer Arbeit?
„Mein Fokus liegt darauf, den Nutzen und die Gelingensbedingungen von Lesson Study zu untersuchen; herauszufinden, wie es gelingen kann, dass Lehrpersonen mehr und gewinnbringend zusammenarbeiten, um ihren Unterricht zu verbessern und um für Herausforderungen in ihrem Unterrichtsalltag gemeinsam Lösungen zu finden.“
Sie sind seit 2018 Mitglied des LemaS-Forschungsverbundes und begleiten und beforschen die Umsetzung von Lesson Study sowohl an Schulen der 1. Phase (2018-2023) als auch Schulen, die als Multiplikator:innen ihr Wissen und ihre Erfahrungen an Netzwerkschulen der 2. Projektphase weitergeben. Woran arbeiten Sie aktuell?
„Derzeit befasse ich mich mit mehreren Publikationsvorhaben: Eines davon ist ein systematisches Review zur Wirksamkeit von Lesson Study. Die letzten systematischen Reviews dazu sind schon einige Jahre alt, viele basieren auf einer eher kleinen oder wenig belastbaren Studienbasis. Wir möchten gern wissen, ob sich da in den letzten Jahren etwas getan hat und schauen, welche Aussagen wir inzwischen über die Wirksamkeit von Lesson Study treffen können.
Außerdem haben wir im letzten Jahr Interviews mit elf Multiplikator:innen aus dem Schwerpunkt Lesson Study geführt. Diese Interviews werten wir gerade aus, um herauszufinden, wie die Multiplikator:innen den Transfer von Lesson Study in den Schulnetzwerken gestalten. Ich bin sehr gespannt darauf, den Einsatz von KI-Tools dafür zu erproben.
Und noch ein ganz praxisorientiertes Vorhaben: Quasi analog zu unserem Handbuch für die Durchführung von Lesson Study (Vock et al., 2023; Handbuch Lesson Study, das als LemaS-P³rodukt in der ersten Phase von „Leistung macht Schule“ entwickelt wurde, arbeiten wir gerade an einem „Train-the-trainer“-Handbuch, das Multiplikator:innen dabei unterstützen soll, Lesson Study zu vermitteln und anzuleiten.“
Sie sind seit 8 Jahren als Wissenschaftlerin im Forschungsverbund an der Bund-Länder-Initiative „Leistung macht Schule“ beteiligt. Was motiviert Sie sich für LemaS einzusetzen?
„Mir ist daran gelegen, dass Lehrpersonen etwas machen, von dem sie selbst auch den Mehrwert (er)kennen. Wenn Lehrer:innen das erste Mal Lesson Study ausprobieren und hinterher sagen:
„Das war total beeindruckend, was für interessante Details über die Schüler:innen von den beobachtenden Teamkolleg:innen rückgemeldet wurden, die ich als unterrichtende Lehrkraft gar nicht mitbekommen hatte, weil ich mich auf die Klasse in ihrer Gesamtheit konzentrieren musste! Das war total wertvoll!“
was so oder so ähnlich immer wieder vorkommt, motiviert mich das. Oder wenn in unserer Abschlusserhebung zur ersten LemaS-Phase die ganz überwiegende Mehrheit der Lehrpersonen sagt, dass sie Lesson Study hilfreich und nützlich fand – das zeigt, dass sich unsere Arbeit lohnt. Wenn am Ende dadurch die Schüler:innen mit ihren Talenten und Potenzialen genauer in den Blick genommen werden, finde ich das wirklich gut.“
Für Schulen bedeutet Lesson Study mehr als eine Methode. Es ist ein Kulturwandel: weg vom Einzelkämpfertum, hin zu professionellen Lerngemeinschaften. Was wäre im Bildungssystem anders, wenn die Erkenntnisse aus LemaS bereits umgesetzt würden?
„Wenn man es aus der Perspektive der Lehrkräftekooperation betrachtet: Die Lehrpersonen beklagen sehr häufig zu wenig Zeit und Raum für Kooperation. Vielleicht gäbe es dann feste Kooperationszeiten, die quasi im Deputat enthalten wären. Dann würde Kooperation weniger von der Motivation und dem Engagement Einzelner abhängen und könnte ihr Potenzial in der Breite entfalten.“
Welche Bedeutung hat LemaS für Sie persönlich?
Im Rahmen des Projekts werden Lehrpersonen sehr eng begleitet und darin unterstützt, die Potenziale ihrer Schüler:innen gezielt noch stärker in den Blick zu nehmen und zu fördern. Dabei wird die vielfach geforderte Verbindung von Forschung und Praxis aus meiner Sicht sehr konsequent realisiert: Wir gehen an Schulen oder Landesinstitute, vermitteln dort Lesson Study bzw. unterstützen die Personen in der Weitergabe ihres Wissens und evaluieren dann, wie das bei den Teilnehmenden ankam. So machen wir aus der Praxis heraus Forschung, gleichzeitig entsteht aus der Forschung heraus Praxis, denn wir bringen wissenschaftliche Erkenntnisse aufbereitet zu den Schulen zurück. Als Forscher:in bekommt man damit zwar meinst nur recht kleine Stichproben, aber dafür ist man nah dran an der Praxis und weniger im Elfenbeinturm. Ich hoffe, dass die Multiplikator:innen, mit denen wir arbeiten, das auch so wahrnehmen.“
Wir bedanken uns für das Gespräch!
Dr. Eva Kalinowski ist Bildungswissenschaftlerin an der Universität Potsdam mit Forschungsschwerpunkten auf Lehrkräftekooperation und Lehrkräfteprofessionalisierung. Eva Kalinowski arbeitet in LemaS nah an der schulischen Praxis: Sie untersucht nicht nur, wie Lehrpersonen gut zusammenarbeiten können, sondern entwickelt gemeinsam mit Lehrpersonen konkrete Wege dorthin.
