LemaS in Gesichtern – Interview mit Franziska Strübbe
Wer sind die Menschen hinter LemaS? Was treibt sie an und welchen Herausforderungen begegnen sie im Bildungssystem? In der Reihe „LemaS in Gesichtern“ geben Wissenschaftler:innen Einblicke in ihre Arbeit im Forschungsverbund, teilen ihre persönliche Perspektive auf Begabungsförderung und zeigen, wie Wissenschaft zur Weiterentwicklung von Schule und Unterricht beitragen kann.
Heute im Gespräch: Franziska Strübbe, Studienrätin an der Bergischen Universität Wuppertal.
Wenn es um die Förderung von Begabungen geht, braucht es Menschen, die Brücken schlagen – zwischen Forschung und schulischer Praxis, zwischen Theorie und gelebtem Unterricht. Eine solche Person ist Dr. Franziska Strübbe. So vielfältig wie LemaS selbst waren in den letzten Jahren auch Franziska Strübbes Aufgabenbereiche: Ihr wissenschaftlicher Weg begann mit einer Dissertation zu Gelingensbedingungen für Übergänge im Fach Mathematik – Übergänge als sensible Momente in Bildungsbiografien prägen bis heute ihre Perspektive auf Begabungsförderung. Für ihre Dissertation erhielt sie bei der Jahrestagung der Gesellschaft für Didaktik der Mathematik (GDM) unlängst den Förderpreis für herausragende Dissertationen. Am Internationalen Centrum für Begabungsforschung (ICBF) in Münster war sie im Rahmen von LemaS in der wissenschaftlichen Projektkoordination und der Wissenschaftskommunikation tätig und arbeitete unter anderem zu Fragen der Lehrkräfte-Professionalisierung sowie zu innovativen Formaten des selbstregulierten, forschenden Lernens. Auch mit der Organisation des Münsterschen Bildungskongresses, der gemeinsam mit der LemaS-Jahrestagung durchgeführt wurde, war sie befasst. Heute bringt sie an der Bergischen Universität Wuppertal ihre mathematikdidaktische Expertise erneut in den Transfer ein – dorthin, wo Forschung Wirkung entfalten kann: in Klassenzimmern, Kollegien und bildungspolitischen Diskursen.
Im Gespräch gibt sie Einblicke in das zentrale Thema ihrer Dissertation und beschreibt, welche Bedeutung LemaS für sie persönlich hat.
Sie haben 2023 im Rahmen von LemaS promoviert. Welches zentrale Thema oder welche Frage steht im Mittelpunkt Ihrer Dissertation?
„In meiner Dissertation geht es um mathematisch begabte Kinder im Übergang von der Kita in die Grundschule. Mit Kindern, Eltern, Lehrpersonen und Erzieherinnen habe ich darüber gesprochen, was begabte Kinder für den Schulanfang und das Mathematiklernen in dieser Zeit brauchen. Dabei konnte ich herausstellen, wie die Begabungsentwicklung und das Übergangsgelingen zusammenhängen.
Im Kern geht es um die Frage: Welche Gelingensbedingungen sind für einen anschlussfähigen Übergang von der Kita in die Grundschule bei mathematisch begabten Kindern wesentlich? Sowohl die Entwicklung mathematischer Begabungen als auch das Gelingen von Übergängen ist komplex, prozesshaft und individuell. Damit Übergänge mathematisch begabter Kinder fördernd wirken und zum Impuls für die mathematische Begabungsentwicklung werden, ist es wichtig, dass sich das Kind mit der Rolle des Schulkindes authentisch identifizieren kann.
Das Kind muss sich in der Schule wohlfühlen und mit der gesamten Persönlichkeit wahrgenommen und wertgeschätzt werden. Dies schließt eine individuelle Förderung entsprechend der individuellen Potenziale und Bedarfe mit ein.
Dazu gehört auch, dass Kinder im Übergang von der Kita in die Grundschule eine Vielfalt mathematischen Tätigseins erleben, was ein adäquates und anschlussfähiges Bild der Mathematik voraussetzt und insofern das fachliche Lernen besonders berücksichtigt.“
Sie sind seit 2021 als Wissenschaftlerin im Forschungsverbund an der Bund-Länder-Initiative Leistung macht Schule beteiligt. Was bedeutet LemaS für Sie persönlich?
„LemaS setzt für mich fort, was ich im Studium und als Lehrerin gelernt habe und bring dies in die Breite der Bildungslandschaft. Das finde ich großartig. Kinder mit ihren individuellen Stärken zu sehen und ihnen auf Augenhöhe zu begegnen, ist für mich eine Grundhaltung pädagogischer Arbeit. Lehrkräfte, Schulleitungen und die Bildungsadministration mit LemaS-Transfer für die Interessen und Potenziale von Kindern weiter zu sensibilisieren und diesen Gedanken in die Schul- und Unterrichtsentwicklung mit aufzunehmen, lässt mich hoffnungsfroh auf die Zukunft unseres Bildungssystem blicken. Daran teilhaben zu dürfen und mitzuwirken ist ein sehr erfüllender Teil meiner Arbeit in LemaS.“
Im Zentrum von LemaS steht die Überzeugung, dass schulische Bildung nur dann zukunftsfähig ist, wenn sie die individuellen Potenziale aller Schüler:innen systematisch in den Blick nimmt und fördert. Frau Dr. Strübbe, wo sehen Sie aktuell die größten Herausforderungen im deutschen Bildungssystem?
„Da gibt es viele und sie spiegeln die Herausforderungen unserer Gesellschaft wider. Bildung kann zur Wahrung von Frieden, Demokratie und Vielfalt beitragen und ist gleichsam nicht die eine Lösung.
Wenn wir in der Schule mehr auf die Bedürfnisse von Kindern und Jugendlichen mit ihren individuellen Interessen und Stärken achten würden, wäre schon viel gewonnen.
Dafür brauchen wir fachlich und didaktisch qualifiziertes Personal, gute räumliche und materielle Ressourcen und wir müssen uns Zeit nehmen für guten Unterricht. Innovative Bildungsreformen und viel Geld sind eine hilfreiche Ergänzung. Darauf lässt sich nur nicht warten.“
Welche Bedeutung hat LemaS für Sie im Kontext aktueller bildungspolitischer Herausforderungen?
„LemaS ist wichtig, weil es zeigt, wie Wissenschaft und Schulpraxis gemeinsam Verantwortung für eine potenzialorientierte Begabungsentwicklung aller Schüler:innen übernehmen können.“
Wir bedanken uns für das Gespräch!
Zur Person:
Dr. Franziska Strübbe ist Bildungswissenschaftlerin und Mathematikdidaktikerin mit einem Forschungsschwerpunkt auf mathematische Begabungen und deren Förderung – insbesondere im frühen Bildungsbereich und an Übergängen im Bildungssystem. Strübbe gehört damit zu den Wissenschaftler:innen, die Begabungsförderung nicht isoliert betrachten, sondern als Teil einer systemischen Schul- und Unterrichtsentwicklung verstehen – mit besonderem Blick auf frühe Bildungsbiografien und kritische Übergangsphasen. Sie arbeitet an der Bergischen Universität Wuppertal.
