LemaS in Gesichtern – Interview mit Ole Tenboll
Wer sind die Menschen hinter LemaS? Was treibt sie an und welchen Herausforderungen begegnen sie im Bildungssystem? In der Reihe „LemaS in Gesichtern“ geben Wissenschaftler:innen Einblicke in ihre Arbeit im Forschungsverbund, teilen ihre persönliche Perspektive auf Begabungsförderung und zeigen, wie Wissenschaft zur Weiterentwicklung von Schule und Unterricht beitragen kann.
Heute im Gespräch: Ole Tenboll, Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Münster
Wie gelingt es, Erkenntnisse aus der Bildungsforschung so in die Schulpraxis zu bringen, dass sie den Mathematikunterricht nachhaltig verändern? Und welche Rolle spielen dabei diejenigen, die Schulen auf diesem Weg begleiten? Genau diesen Fragen widmet sich Ole Tenboll im Forschungsverbund LemaS-Transfer.

Im Zentrum seiner Arbeit steht die enge Zusammenarbeit mit den schulischen Multiplikator:innen.
Er begleitet ihre Qualifizierung, unterstützt sie in ihren regionalen Netzwerken und entwickelt gemeinsam mit ihnen Unterrichtsmaterialien – darunter die LemaS-Mathe-Karteien – kontinuierlich weiter. Die LemaS-Mathe-Karteien enthalten reichhaltige mathematische Lernumgebungen mit denen mathematische Begabungen in der gesamten Klasse aktiviert, erkannt und gefördert werden können. Durch den direkten Austausch mit Lehrpersonen und Schulleitungen fließen Erfahrungen aus der Praxis unmittelbar in die Weiterentwicklung der Materialien ein – und wissenschaftliche Erkenntnisse finden ihren Weg in den Unterricht.
Im Interview spricht Ole Tenboll darüber, wie Forschung, Transfer und Schulentwicklung erfolgreich zusammenspielen, welche Erkenntnisse aus der Zusammenarbeit mit Multiplikator:innen für ihn besonders wertvoll sind und warum nachhaltige Unterrichtsentwicklung vor allem dort gelingt, wo Wissenschaft und Praxis voneinander lernen.
Herr Tenboll, was ist Ihre Aufgabe innerhalb des Forschungsverbundes?
Im LemaS-Forschungsverbund gehöre ich zum Inhaltscluster 3 – Mathematik Primarstufe.
Ein Schwerpunkt meiner Arbeit ist die enge Zusammenarbeit mit unseren schulischen Multiplikator:innen durch die ich Forschung und Transfer unmittelbar miteinander verbinde. Ich begleite die Multiplikator:innen bei ihrer Transferarbeit in den Netzwerken, biete Qualifizierungsangebote an und unterstütze die partizipative Anpassung und Weiterentwicklung unserer LemaS-Mathe-P3rodukte an unterschiedliche schulische und unterrichtliche Kontexte. Zusätzlich arbeite ich an der (Weiter)-Entwicklung der LemaS-Plattform für den Schwerpunktbereich Mathematik-Primarstufe. Einen ersten Best-Practice-Kurs für LemaS-Schulen konnte ich schon bereitstellen. Auf Forschungsebene beschäftige ich mich mit den Aushandlungsprozessen der Lehrpersonen in den LemaS-Netzwerken.
Die Aushandlungsprozesse von Lehrpersonen spielen auch in Ihrem Promotionsvorhaben eine Rolle. Womit beschäftigen Sie sich in Ihrer Dissertation?
In meiner Dissertation beschäftige ich mich insbesondere damit, wie die Lehrpersonen in den LemaS-Netzwerken den Adaptionsprozess der P3rodukte im Hinblick auf die Gestaltung eines potenzialfördernden Mathematikunterrichts aushandeln. Dabei interessiert mich besonders, wie die Lehrpersonen gemeinsam die LemaS-Mathe-Karteien für die individuellen Bedürfnisse ihrer Klassen anpassen und ihren Matheunterricht sowie ihre potenzialfördernde Haltung weiterentwickeln. Das ist besonders interessant, weil die LemaS-Mathe-Karteien nicht einfach unverändert in die schulische Praxis übertragen werden. Vielmehr werden sie im Dialog zwischen Wissenschaft und Schulpraxis erprobt, reflektiert, an die jeweiligen schulischen und unterrichtlichen Kontexte angepasst und weiterentwickelt.
Durch meine Forschung versuche ich die Theorie-Praxis-Brücke zu schlagen, indem ich kooperativ mit den Multiplikator:innen an der Weiterentwicklung der LemaS-Mathe-Karteien arbeite und zugleich die dabei entstehenden Aushandlungsprozesse innerhalb der Netzwerke untersuche.
Sie sind seit 2025 im Rahmen von LemaS tätig. Was schätzen Sie besonders an der Arbeit im Forschungsverbund?
Gerade als junger Wissenschaftler finde ich es besonders wertvoll, von den unterschiedlichen Erfahrungen im Forschungsverbund zu lernen und zugleich eigene Ideen einzubringen. Durch regelmäßige Treffen komme ich mit Wissenschaftler:innen aus unterschiedlichen Disziplinen ins Gespräch und lerne verschiedene fachliche Perspektiven kennen. Außerdem schätze ich den direkten Austausch mit den Lehrpersonen, weil ich dadurch immer wieder sehe, wie wissenschaftliche Überlegungen im Unterricht konkret Gestalt annehmen.
Angesichts der aktuellen Herausforderungen im deutschen Bildungssystem wird häufig über individuelle Förderung gesprochen. Warum ist „Leistung macht Schule“ in diesem Zusammenhang so relevant für die deutsche Bildungslandschaft?
Für mich ist besonders wichtig, dass Potenzialförderung nicht nur einigen wenigen Kindern zugutekommt, sondern als Aufgabe jedes Unterrichts verstanden wird. Jedes Kind sollte die Möglichkeit bekommen, seine eigenen, individuellen (mathematischen) Stärken zu entdecken und weiterzuentwickeln – unabhängig davon, wie sichtbar diese zunächst sind. LemaS ist dementsprechend relevant, weil es einen Paradigmenwechsel bedeutet. Weg von einer defizitorientierten Perspektive auf Bildung und hin zu einer kompetenzorientierten Sichtweise, die die Minimalstandards berücksichtigt, aber nicht die Regel- und Optimalstandards vernachlässigt.
Zum Abschluss eine etwas persönlichere Frage: Vervollständigen Sie bitte den Satz „LemaS verändert …“ – was kommt Ihnen dabei als Erstes in den Sinn?
LemaS verändert für mich auch die Haltung, mit der Lehrpersonen Kindern begegnen: Nicht zuerst zu fragen, was ihnen noch fehlt, sondern neugierig darauf zu sein, was bereits in ihnen steckt. Gerade im Mathematikunterricht können so Fähigkeiten und Denkweisen sichtbar werden, die im normalen Unterrichtsalltag vielleicht unentdeckt geblieben wären.
Wir bedanken uns für das Gespräch!
Ole Tenboll ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für grundlegende und inklusive mathematische Bildung (GIMB) an der Universität Münster mit einem Forschungsschwerpunkt auf Begabungs- und Potenzialförderung im Mathematikunterricht und der Professionalisierung von Lehrpersonen. Damit verbindet er die Frage, wie mathematische Potenziale schon in der Grundschule erkannt und gefördert werden können, mit der Entwicklung wirksamer Fortbildungs- und Transferkonzepte für Lehrpersonen und Schulen. Im Forschungsverbund LemaS-Transfer arbeitet er an der Schnittstelle von Wissenschaft, Unterricht und Transfer. Besonders wichtig ist ihm dabei, dass wissenschaftliche Erkenntnisse nicht im Forschungsprojekt bleiben, sondern Lehrpersonen in ihrem Unterricht konkret unterstützen.
