LemaS in Gesichtern – Interview mit Dr. Pascal Kihm
Wer sind die Menschen hinter LemaS? Was treibt sie an und welchen Herausforderungen begegnen sie im Bildungssystem? In der Reihe „LemaS in Gesichtern“ geben Wissenschaftler:innen Einblicke in ihre Arbeit im Forschungsverbund, teilen ihre persönliche Perspektive auf Begabungsförderung und zeigen, wie Wissenschaft zur Weiterentwicklung von Schule und Unterricht beitragen kann.
Heute im Gespräch: Dr. Pascal Kihm, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität des Saarlandes/ Vertretungsprofessor für Didaktik des Sachunterrichts, Schwerpunkt Naturwissenschaften an der Bergischen Universität Wuppertal (im Sommersemester 2026)

Wie lässt sich (Sach-)Unterricht so gestalten, dass Kinder ihre eigenen Fragen verfolgen, selbstbestimmt forschen und ihre Potenziale entfalten können? Mit genau dieser Frage beschäftigt sich Dr. Pascal Kihm im Forschungsverbund LemaS-Transfer. An der Universität des Saarlandes verbindet er Transferforschung und Lehrkräfteprofessionalisierung miteinander und begleitet schulische Multiplikator:innen auf dem Weg zu einem potenzial- und begabungsförderlichen Sachunterricht. Besonders am Herzen liegt ihm das Offene Experimentieren – Lernumgebungen, in denen Kinder ihre Ideen entwickeln und Lehrpersonen sie aufmerksam begleiten, ohne ihnen vorschnell den Weg vorzugeben. Seine Forschung zeigt dabei eindrucksvoll, wie selbst kleine Gesten oder Erwartungen von Lehrpersonen die Handlungsmöglichkeiten von Kindern beeinflussen können. Dieses Wissen bringt er gemeinsam mit schulischen Multiplikator:innen in die Praxis – immer mit dem Ziel, Räume zu schaffen, in denen Potenziale sichtbar werden und wachsen können.
Im Interview spricht Pascal Kihm darüber, wie begabungsförderlicher Sachunterricht gestaltet werden kann, wie Lehrpersonen die Handlungsmöglichkeiten von Kindern beeinflussen können und was die gemeinsame Arbeit mit den Multiplikator:innen für ihn so wertvoll macht.
Herr Kihm, Sie sind seit 2023 Mitglied des Forschungsverbundes LemaS-Transfer im Schwerpunkt Sachunterricht des Inhaltsclusters „Unterrichtsentwicklung MINT“. Was ist Ihre Aufgabe innerhalb des Forschungsverbundes?
Im Mittelpunkt meiner Arbeit steht die Frage, wie wir Lernumgebungen schaffen können, in denen Kinder eigene Fragen, Ziele und Herangehensweisen entwickeln und dadurch ihre individuellen Potenziale zeigen können: Kinder brauchen Freiräume. Das bedeutet aber nicht, dass ich mich als Lehrperson zurückziehe und die Kinder einfach machen lassen. Im Gegenteil: Als Lehrperson bleibe ich interessiert, zugewandt und fachlich präsent. Offenes Experimentieren erfordert eine aufmerksame Lernbegleitung, die beobachtet, zuhört, den Austausch über Beobachtungen unterstützt und auch passende Impulse gibt – aber möglichst, ohne vorschnell auf eine erwartete Lösung hinzulenken.
Inhaltlich knüpft unsere Arbeit im Forschungsverbund an das Grundschullabor für Offenes Experimentieren, kurz GOFEX, der Universität des Saarlandes an. Die dort entwickelten didaktischen Konzepte – zu guten Aufgaben und zur schrittweisen Öffnung des Experimentierens – sowie die Raum-, Material- und Ordnungskonzepte bilden eine wichtige Grundlage für den Austausch mit den schulischen Multiplikator:innen. Gemeinsam überlegen wir, wie sich diese Konzepte an unterschiedliche Schulen, Lerngruppen und Rahmenbedingungen anpassen lassen. In den Workshops verbinden wir dabei die Selbsterfahrung der verschiedenen Konzepte, gemeinsame Reflexion und den Transfer in die Fortbildungs- und Schulpraxis. Gleichzeitig untersuchen wir in Interviews, unter welchen Bedingungen dieser Transfer gelingt.
In Ihrer Dissertation zeigen Sie, dass bereits kleine Gesten oder Erwartungen von Lehrpersonen die Handlungsmöglichkeiten von Kindern beeinflussen können. Was hat Sie an diesen Erkenntnissen selbst am meisten überrascht – und was können Lehrpersonen, die sich dieser Tatsache bewusst sind, künftig verändern?
Über mehrere Jahre hinweg habe ich Kinder und Lehrpersonen im Gofex beim Offenen Experimentieren beobachtet. Dabei habe ich untersucht, wie Handlungsmöglichkeiten der Kinder zwischen ihnen und den Lehrpersonen ausgehandelt, also erweitert, aber manchmal auch eingeschränkt werden. Meine Dissertation „doing AGENCY “, die ich im Dezember 2025 abgeschlossen habe, zeigt unter anderem, wie subtil wir Lehrpersonen Kinder durch unsere Erwartungen beeinflussen können: ein Seufzen, ein Augenrollen, ein Blick über die Schulter. Kinder nehmen solche körpersprachlichen Signale wahr und orientieren ihr Handeln dann mitunter stärker an unseren vermuteten Erwartungen als an ihren eigenen Ideen. Ungewollt und unbewusst fördern wir so oft Konformität statt Kreativität!
Die im GOFEX und meiner Dissertation gewonnenen Erkenntnisse fließen unmittelbar in unsere Arbeit bei LemaS-Transfer ein: Wir möchten Lehrpersonen gemeinsam mit unseren Multiplikator:innen dafür sensibilisieren, nicht nur auf Ergebnisse zu schauen, sondern genauer wahrzunehmen, wie Kinder vorgehen, welche Potenziale darin sichtbar werden und wie man sie unterstützen kann – in ihrem Vorgehen und im Finden und Entwickeln der eigenen Potenziale.
Sie setzen sich aus Überzeugung für das Konzept des Offenen Experimentierens ein. Was bedeutet das genau?
Offenes Experimentieren entsteht nicht allein dadurch, dass wir vermeintlich „offene Aufgaben“ einsetzen. Die Aufgabe selbst, die Kommunikation zwischen den Kindern und der Lehrperson und die institutionellen Bedingungen, also der Raum, die Materialien, das Zeitkorsett, all das kann die Handlungsmöglichkeiten der Kinder erweitern oder begrenzen. Beispielsweise können frei zugängliche und vielseitig nutzbare Materialien selbstbestimmtes Experimentieren fördern. Wenn ich dagegen immer nur mit einer begrenzten Materialauswahl experimentieren darf, schränkt dies die Handlungsmöglichkeiten deutlich ein: Wenn ich zum Beispiel nur eine Glühlampe, zwei Drähte und eine Flachbatterie hinlege, können Kinder nahezu nichts anderes machen, als eine einfache Schaltung zu bauen. Wir beschäftigen uns auch mit Storytelling und sehen das sehr kritisch: Wenn ich ein Thema wie Auftrieb (in der Grundschule meist „schwimmen und sinken“ genannt) in eine Pirateninszenierung kleide, dann impliziere ich damit vielleicht, dass das physikalische Phänomen an sich nicht wirklich faszinierend ist, unterstelle den Kindern womöglich Desinteresse und unterschätze ihre Erkenntnismöglichkeiten. Wir setzen dagegen: Lasst die Phänomene selbst wirken!
LemaS verfolgt ein breites Verständnis von Begabungsförderung. Warum ist dieser Ansatz aus Ihrer Sicht so wichtig für Schulen?
LemaS ist für mich besonders relevant, weil das Projekt den Blick von vermeintlichen Defiziten hin zu den individuellen Potenzialen der Schüler:innen lenkt. Begabungsförderung wird dabei nicht als exklusives Zusatzangebot für wenige bereits identifizierte Kinder verstanden. Vielmehr geht es darum, Lernumgebungen zu schaffen, in denen unterschiedliche, fach- und bereichsspezifische Potenziale sichtbar werden und sich entwickeln können. Gerade Offenes Experimentieren kann Ideen, Beobachtungsfähigkeiten und kreative Problemlösungen sichtbar machen, die in stark vorstrukturierten Unterrichtssettings verborgen bleiben. Sachunterricht muss die Handlungsmöglichkeiten von Kindern eröffnen und vervielfältigen, er darf sie nicht schließen!
Zugleich versucht LemaS-Transfer, wissenschaftliche Erkenntnisse nicht nur punktuell an einzelne Schulen weiterzugeben. Durch Multiplikator:innen sowie Schulnetzwerke entstehen längerfristige Strukturen, in denen Wissenschaft und Schulpraxis gemeinsam an Schul- und Unterrichtsentwicklung arbeiten. Besonders wichtig finde ich, dass Transfer dabei nicht als bloße Übernahme eines fertigen Konzeptes verstanden wird. Konzepte müssen an unterschiedliche Schulen, Personen und Ausgangslagen angepasst und gemeinsam weiterentwickelt werden.
Sie bewegen sich zwischen Wissenschaft und Schul- bzw. Unterrichtspraxis. Welche Herausforderungen im deutschen Bildungssystem beschäftigen Sie derzeit am meisten?
Eine der größten Herausforderungen sehe ich darin, dass Schule eigentlich hungrig machen müsste, aber allzu oft satt macht: Kindern werden ständig Fragen gestellt, auf die die fragende Person die Antwort bereits kennt – und häufig sind es nicht einmal die Fragen, die die Kinder selbst beschäftigen. Das halte ich für eine vertane Chance. Gleichzeitig haben sie selten Gelegenheit, sich mit ihren eigenen Fragen zu beschäftigen. Und Kinder haben so viele Fragen, wenn sie in die Schule kommen. Sie bringen unterschiedliche Erfahrungen, Interessen und Zugänge mit. Schule arbeitet jedoch noch häufig mit der Vorstellung, dass alle zur gleichen Zeit dieselbe Aufgabe auf demselben Weg bearbeiten und möglichst zum gleichen Ergebnis kommen sollen. Dadurch besteht die Gefahr, dass Potenziale übersehen werden und Kinder zunehmend weniger Gelegenheit haben, eigene Fragen zu entwickeln und zu bearbeiten.
Gleichzeitig steigen die Anforderungen an Lehrpersonen: Sie sollen fachlich fundiert unterrichten, individuelle Lernprozesse diagnostizieren, Begabungen fördern, Inklusion gestalten und Schulentwicklung betreiben. Gerade im naturwissenschaftlich-orientierten Sachunterricht kommen bei vielen Grundschullehrpersonen fachliche Unsicherheiten und ein geringes Zutrauen in die eigenen Fähigkeiten hinzu, weshalb sie zögern, den Unterricht zu öffnen. Ich glaube, hier braucht es auch ein gesellschaftliches Umdenken: In einem Fach wie Sachunterricht mit seinen zahlreichen Bezugsdisziplinen (u. a. Geschichte, Geografie, Physik) kann es nicht der Anspruch sein, als Lehrperson alles zu wissen. Eine Sachunterrichtslehrperson kann kein:e Fachexpert:in in allen Bezugsdisziplinen des Sachunterrichts sein. Sie sollte aber meines Erachtens Vorbild für Prozesse der Erkenntnisgewinnung, für die kritische Überprüfung von Wissen und für einen produktiven Umgang mit Nichtwissen sein. Der Perspektivrahmen Sachunterricht der Gesellschaft für Didaktik des Sachunterrichts (GDSU) bietet hierfür mit den Denk-, Arbeits- und Handlungsweisen verschiedene disziplinäre Zugänge, die die individuellen Zugänge der Kinder methodisch fundiert ergänzen können.
Was braucht es Ihrer Meinung nach um diesen Herausforderungen zu begegnen?
Wir brauchen eine kontinuierliche, praxisnahe und bedarfsgerechte Unterstützung für Sachunterrichtslehrpersonen, feste Zeiten für kollegialen Austausch und eine langfristige Zusammenarbeit von Schulen und Wissenschaft. Neue Konzepte aus der Wissenschaft, zum Beispiel zum Offenen Experimentieren, müssen zunächst selbst erfahren, anschließend gemeinsam reflektiert und dann für den eigenen Unterricht, also die Bedingungen vor Ort, angepasst werden. In LemaS-Transfer versuchen wir dies mit dem Dreischritt Selbsterfahrung – Reflexion – Transfer, mit flexiblen, adaptierbaren Fortbildungsbausteinen und einer engen Begleitung der Schulnetzwerke umzusetzen.
Zukunftsfähige Schulentwicklung braucht aus meiner Sicht nicht immer neue, kurzfristige Programme. Sie braucht verlässliche Strukturen, in denen Lehrpersonen gemeinsam und kontinuierlich daran arbeiten können, Kindern mehr individuelle und selbstbestimmte Lernwege zu eröffnen.
Was macht LemaS aus Ihrer Sicht zu einem erfolgreichen Modell für die Zusammenarbeit von Wissenschaft und Schulpraxis?
LemaS wirkt, weil Wissenschaft und Schulpraxis langfristig und auf Augenhöhe zusammenarbeiten und Transfer praxisnah, bedarfsgerecht sowie kontinuierlich begleitet wird. Genau das bestätigen auch unsere Interviews mit den Multiplikatorinnen und Multiplikatoren!
Vielen Dank für das Gespräch!
Dr. Pascal Kihm ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Didaktik des Sachunterrichts in der Arbeitsgruppe von Prof. Dr. Markus Peschel an der Universität des Saarlandes in Saarbrücken. In LemaS-Transfer liegt sein Arbeitsschwerpunkt an der Schnittstelle von Lehrkräfteprofessionalisierung, Transferforschung und dem Offenen Experimentieren im naturwissenschaftlich orientierten Sachunterricht. Neben seiner Forschung engagiert er sich in der Aus- und Fortbildung von Lehrpersonen, wirkt im Grundschullabor für Offenes Experimentieren (GOFEX) mit und übernimmt Lehraufgaben an der Universität. Darüber hinaus ist er stellvertretender Vorsitzender des Internationalen Netzwerks der Hochschullernwerkstätten (NeHle e. V.) sowie des Grundschulverbands Saarland und engagiert sich in verschiedenen Fachgesellschaften der Bildungs- und Sachunterrichtsforschung.
