„Unsere Aufgabe ist es, aus Potenzialen Leistungen zu entwickeln“
Das Käthe-Kollwitz-Gymnasium Berlin im LemaS-Netzwerk
Wie gelingt es, individuelle Potenziale von Schülerinnen und Schülern sichtbar zu machen und gezielt zu fördern – in einer Schule, die gleichzeitig auf mathematisch-naturwissenschaftliche Profile und digitale Entwicklungen setzt? Am Käthe-Kollwitz-Gymnasium in Berlin gehört diese Frage zum pädagogischen Alltag. Die Schule ist seit 2018 Teil der Bund-Länder-Initiative „Leistung macht Schule“ und arbeitet eng mit dem Forschungsverbund, insbesondere mit Prof. Dr. Christian Fischer und seinem Team an der Universität Münster, zusammen. Im Mittelpunkt steht das diFF-Projekt, das diagnosebasiertes, individualisiertes Fordern und Fördern in den Unterricht integriert. Im Interview geben Schulleiterin Simone Ley und Maria Alms, Fachleiterin für Begabungs- und Begabtenförderung, Einblicke in ihre Arbeit.
Ein Video mit ausgewählten Highlights aus dem Gespräch finden Sie hier:
Mit ihrem mathematisch-naturwissenschaftlich-informationstechnischem Profil und dem zusätzlichem Schwerpunkt im kreativen Bereich versteht sich das Käthe-Kollwitz Gymnasium als Lernort, der unterschiedliche Potenziale systematisch in den Blick nimmt. Schulleiterin Simone Ley beschreibt diesen Anspruch so: „Unsere Schülerinnen und Schüler bringen sehr unterschiedliche Potenziale mit. Unsere Aufgabe ist es, aus den Potenzialen Leistungen zu generieren.“
Das Erkennen, Entdecken und Entfalten individueller Potenziale gilt als zentraler Beitrag zu Chancengerechtigkeit und Bildungsgerechtigkeit, womit Begabungs- und Begabtenförderung nicht als Angebot für wenige verstanden wird, sondern vielmehr als grundlegender Auftrag von Schule. Mit der Teilnahme an „Leistung macht Schule“ habe sich dieser Fokus weiter geschärft und die Schule sich darauf konzentriert, Lernumgebungen zu gestalten, um die individuellen Stärken und Entwicklungspotenziale der Schülerinnen und Schüler sichtbar zu machen. „Durch LemaS haben wir die Möglichkeit, das gezielt in den Blick zu nehmen. Gerade das Projektlernen ist hier ideal geeignet für unsere Schülerinnen und Schüler.“
Begabung vom Kind aus denken
Für Maria Alms, die als LemaS-Multiplikatorin an ihrer Schule und im Schulnetzwerk tätig ist, liegt eine zentrale Veränderung in den letzten Jahren im Perspektivwechsel auf Begabung: „Man sieht die Idee von Begabung viel mehr vom Schüler aus und nicht so, dass ich als Lehrkraft entscheide, was der Schüler kann.“ Im Unterricht bedeute das, individuelle Interessen ernst zu nehmen und unterschiedliche Zugänge zu ermöglichen: „Man schaut: Wie kann ich jedem Schüler einen guten Zugang zu einem Thema ermöglichen und was interessiert ihn wirklich?“
Durch „Leistung macht Schule“ und der engen Zusammenarbeit mit dem Forschungsverbund habe sich ein inklusiver Begabungsbegriff etabliert, der alle Schülerinnen und Schüler einbezieht: „Das heißt, alle Schülerinnen und Schüler haben Begabung, und dabei eben auch alle einen unterschiedlichen Zugang.“
„Own Your Power“ – Selbstreguliertes Lernen in der digitalen Transformation
Wie eng Begabungs- und Leistungsförderung, Persönlichkeitsentwicklung und digitale Bildung zusammenhängen, zeigt sich am Käthe-Kollwitz-Gymnasium im Konzept „Own Your Power“. Es entstand aus der gemeinsamen Schulentwicklungsarbeit des Kollegiums und verbindet selbstreguliertes Lernen mit einem reflektierten Umgang mit digitalen Technologien und künstlicher Intelligenz.
Digitale Medien werden dabei nicht als Selbstzweck verstanden, sondern als Werkzeuge, die Lernprozesse unterstützen und neue Zugänge eröffnen können. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie Schülerinnen und Schüler Lernen auch unter den Bedingungen digitaler Transformation aktiv und selbstbestimmt gestalten können.
„‘Own Your Power‘ bedeutet für uns, dass unsere Schülerinnen und Schüler ihre eigenen Fähigkeiten nutzen sollen, dass diese Fähigkeiten nicht an die KI abgegeben werden“, erläutert Simone Ley. Entscheidend seien dabei insbesondere Selbstregulationskompetenzen: „Die sind entscheidend dafür, ob Lernende von der KI profitieren oder ob es zu einem Rückgang dieser wichtigen Fähigkeiten kommt. (…) So wird sichergestellt, dass KI den Lernprozess nicht ersetzt, sondern Lernen unterstützt.“
Um diese Kompetenzen systematisch aufzubauen, hat die Schule verschiedene Formate entwickelt. Dazu gehören KI-Kompetenztage für die Jahrgänge 7 bis 10, projektorientierte Anwendungen im Unterricht sowie Angebote in der Oberstufe. Schülerinnen und Schüler arbeiten beispielsweise mit Chatbots im Fremdsprachenunterricht, nutzen KI-gestützte Anwendungen in Kunstprojekten oder setzen sich im StudienLab „Wissenswelten & KI“ mit technologischen und ethischen Fragestellungen auseinander.
Individuelle Förderung im Schulalltag
Die begabungs- und leistungsfördernde Unterrichtsentwicklung zeigt sich am Käthe-Kollwitz-Gymnasium in unterschiedlichen Formaten, etwa im Projektlernen, in differenzierten Aufgabenformaten oder in gezielten Förderangeboten.
Maria Alms beschreibt den Umgang mit heterogenen Lerngruppen so: „Wenn wir sehen, dass bestimmte Schülerinnen und Schüler schon sehr viel können, gehen wir gezielt über Drehtürmodelle oder Wettbewerbsförderung.“ Dadurch entstünden Freiräume für vertiefendes Lernen: „Die Schülerinnen und Schüler können dann an anderen Themen arbeiten im Sinne des Compacting.“ Ergänzt wird dies durch Wettbewerbe wie „Jugend forscht“ oder mathematische Olympiaden.
Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf der Förderung von Mädchen im MINT-Bereich. Ziel ist es, frühzeitig Interesse zu wecken und Selbstvertrauen aufzubauen. „Wir haben aufgrund unseres Profils weniger Schülerinnen als Schüler. Deshalb setzen wir früh an und laden gezielt Mädchen ein, unsere Schule kennenzulernen“, erklärt Maria Alms. Dazu gehören Projekte für Grundschülerinnen und Kita-Kinder ebenso wie spezielle MINT-Angebote für Schülerinnen der Klassen 4 bis 6 oder Kooperationen mit der HU Berlin.
Austausch im Netzwerk als Motor
Als Multiplikatorschule bringt das Käthe-Kollwitz-Gymnasium seine Erfahrungen aktiv in die Schulnetzwerke ein. Für Maria Alms steht dabei insbesondere der Austausch mit anderen Schulen im Mittelpunkt: „Es ist total spannend, in den Austausch zu kommen und zu sehen, auf wie viele unterschiedliche Arten Begabungsförderung angegangen werden kann.“
Gleichzeitig entstehen daraus neue Impulse für die eigene Schulentwicklung: „Man nimmt auch immer wieder Anregungen und Ideen mit, wie wir es bei uns weiter verbessern können.“
Mut zur Entwicklung
Das Käthe-Kollwitz-Gymnasium zeigt, wie Begabungs- und Leistungsförderung im Zusammenspiel von individueller Förderung, selbstreguliertem Lernen und digitaler Transformation gestaltet werden kann. Im Mittelpunkt steht dabei eine potenzialorientierte Haltung, die Entwicklung ermöglicht und Schülerinnen und Schüler in ihrer Vielfalt ernst nimmt.
„Unser zentrales Ziel ist es, die Selbstwirksamkeit der Schülerinnen und Schüler zu stärken“, so Maria Alms. „Neben fachlicher Kompetenz sind uns überfachliche und Zukunftskompetenzen sehr wichtig. Erst im Zusammenspiel dieser Bereiche können Schülerinnen und Schüler ihre Potenziale entfalten und Verantwortung übernehmen.“
Für Schulen, die ähnliche Wege gehen möchten, hat Simone Ley eine klare Empfehlung: „Der wichtigste Aspekt ist, einfach anzufangen, mutig zu sein und weiterzugehen. Gleichzeitig ist entscheidend, dass das Konzept alle Beteiligten mitnimmt und von der Schulgemeinschaft getragen wird.“
