Im Gespräch mit dem Carl-Fuhlrott-Gymnasium Wuppertal
Seit Beginn der Bund-Länder-Initiative „Leistung macht Schule“ im Jahr 2018 ist das Carl-Fuhlrott- Gymnasium (CFG) in Wuppertal eine LemaS-Schule. In enger Zusammenarbeit mit dem Forschungsverbund hat die Schule ihre begabungs- und leistungsfördernde Schul- und Unterrichtsentwicklung systematisch weiterentwickelt. Im Zentrum der ersten LemaS-Phase stand dabei der Schwerpunkt „Adaptive Formate forschenden und selbstregulierten Lernens“. Gemeinsam mit dem wissenschaftlichen Team der Universität Münster, unter der Leitung von Prof. Dr. Christian Fischer, entwickelte und erprobte das CFG LemaS-P³rodukte, also Strategien, Konzepte, Maßnahmen und Materialien für das selbstregulierte Lernen. Es ging vor allem darum, bestehende Stärken weiterzuentwickeln und strukturell zu verankern.
Das CFG gilt auch über LemaS hinaus als innovative Schule: Für sein umfassendes Konzept zum pädagogisch verantworteten Einsatz von Künstlicher Intelligenz wurde das Gymnasium mit dem Deutschen KI-Schulpreis 2025 ausgezeichnet, ein bundesweiter Wettbewerb, der innovative Konzepte zum Einsatz von KI in Schule und Unterricht würdigt. Die Auszeichnung unterstreicht, wie eng am CFG digitale Innovation und Potenzialförderung zusammengedacht werden.
Einblicke in diese Entwicklung sowie zentrale Perspektiven aus der Praxis geben Schulleiter Reinold Mertens und Felix Urban, Lehrer und KI-Schulkoordinator am CFG, im folgenden Interview. Ein Video mit ausgewählten Highlights aus dem Gespräch finden Sie hier.
Von einzelnen Angeboten zur systematischen Potenzialförderung
Ein zentraler Entwicklungsschritt am CFG war die konsequente Umsetzung der Begabungs- und Leistungsförderung. Reinold Mertens, Schulleiter des Carl-Fuhlrott-Gymnasiums, beschreibt diesen Prozess rückblickend als grundlegenden Perspektivwechsel:
„Zu Beginn war das wirklich ein guter Impuls für uns. Als wir uns beworben haben, haben wir noch einmal überprüft, welche Strukturen wir bereits in der Begabungsförderung hatten und wie wir diese weiterentwickeln können. Unser Ziel war es, deutlich mehr Schülerinnen und Schüler mit unseren Angeboten zu erreichen.“
Diese Zielsetzung führte zu einem breiteren Verständnis von Begabungsförderung im Kollegium und zu einer stärkeren Verankerung im Schulalltag:
„Ein wesentlicher Effekt war rückblickend, dass wir das Thema viel systematischer angegangen sind. Durch die Ressourcen und die Bedeutung, die der Begabungsförderung im Projekt beigemessen wird, konnten wir viele Kolleginnen und Kollegen stärker einbinden. Dadurch ist das Ganze auf viel mehr Schultern verteilt worden.“
Mit der gemeinsamen Arbeit im Rahmen von “Leistung macht Schule” wurde Begabungs- und Leistungsförderung zur gemeinsamen Aufgabe der gesamten Schule.
Potenziale erkennen: Strukturen statt Zufall
Ein besonderer Fokus lag am CFG auf der Frage, wie Potenziale frühzeitig erkannt werden können. Auch hier beschreibt die Schulleitung eine klare Veränderung: „Besonders wichtig war für uns, Strukturen zu schaffen, die es erleichtern, Schülerinnen und Schüler mit besonderen Begabungen zu entdecken. Dadurch werden bei uns heute deutlich weniger Potenziale übersehen.“
Diese strukturelle Perspektive ist entscheidend: Begabungsförderung basiert nicht auf Einzelbeobachtungen, sondern auf systematischem Vorgehen, auf Kooperationsformaten und einer gemeinsamen Haltung im Kollegium. Gleichzeitig spielt der Austausch mit anderen Schulen und den Wissenschaftler:innen des Forschungsverbunds eine wichtige Rolle, wie Reinold Mertens hervorhebt:
„Sehr gewinnbringend war außerdem der regelmäßige Austausch mit anderen Schulen sowie die LemaS-Tagungen mit theoretischem Input. Kolleginnen und Kollegen kamen von diesen Veranstaltungen zurück und berichteten von neuen Ideen und Impulsen, die wir anschließend bei uns weiterentwickeln konnten.“
Multiplikatorschule im Netzwerk: Wechselseitiges Lernen
Mit dem Übergang in die Transferphase von „Leistung macht Schule“ hat das Carl-Fuhlrott-Gymnasium eine neue Rolle übernommen. Als Multiplikatorschule arbeitet es seit Mitte 2023 in einem Schulnetzwerk in Nordrhein-Westfalen und begleitet andere Schulen bei der Umsetzung begabungs- und leistungsfördernder Konzepte.
Dieser Perspektivwechsel verändert auch die eigene Schulentwicklung. Reinold Mertens: „Wir stehen inzwischen mit vielen Schulen in Kontakt, die neu dazugekommen sind. Dort können wir Erfahrungen weitergeben, sowohl positive als auch solche, bei denen etwas nicht funktioniert hat. Auch aus vermeintlichen Sackgassen kann man viel lernen.“ Besonders spannend sei dabei die wechselseitige Lernbewegung: „Die neuen Schulen bringen wieder neue Fragen ein. Dadurch schauen auch wir noch einmal anders auf unsere eigenen Erfahrungen.“
Die Entwicklungen des CFG sind beispielhaft für die Arbeit in LemaS. Transfer ist kein einseitiger Prozess, sondern ein gemeinsames Weiterlernen im Netzwerk.
Künstliche Intelligenz als Teil einer potenzialorientierten Schulentwicklung
Ein aktueller Entwicklungsschwerpunkt des CFG ist der pädagogisch reflektierte Einsatz von Künstlicher Intelligenz, der eng mit den Zielen der individuellen Förderung verknüpft ist. Dabei versteht die Schule KI nicht als technisches Zusatztool, sondern als Bestandteil eines umfassenden Schulkonzepts. Felix Urban beschreibt diesen Ansatz so: „Uns ist wichtig, das Ganze konzeptionell zu begleiten. Deshalb haben wir ein eigenes KI-Konzept entwickelt, das auf mehreren Säulen basiert.“
Im Mittelpunkt steht die Frage, wie Schülerinnen und Schüler ihre Lernprozesse aktiv gestalten können. KI wird dabei gezielt eingesetzt, um Selbststeuerung zu fördern, Verantwortung zu stärken und individuelle Lernwege zu unterstützen. So werden Lernende beispielsweise bewusst in die Rolle von Expertinnen und Experten gebracht: „Eine davon ist, dass wir Schülerinnen und Schüler dazu befähigen, andere zu schulen. Dort findet bereits viel Begabungsförderung statt, weil die Schülerinnen und Schüler Selbstwirksamkeit erfahren und ihr Wissen weitergeben.“
Deutlich wird: Begabungsförderung wird am CFG nicht nur als individuelles Lernen verstanden, sondern auch als Lernen durch Austausch, Verantwortung und aktive Beteiligung.
Selbstreguliertes Lernen mit KI gezielt unterstützen
Im Zentrum des KI-Einsatzes steht die Förderung selbstregulierten Lernens. Ziel ist es, Schülerinnen und Schüler zu aktiven Gestalterinnen und Gestaltern ihrer Bildungsprozesse zu machen. Felix Urban bringt diese Haltung auf den Punkt: „Wir möchten, dass unsere Schülerinnen und Schüler zu Piloten ihrer Bildungsreise werden und nicht nur zu Copiloten.“
Konkret zeigt sich das unter anderem in der Arbeit mit didaktisch gestalteten KI-Agents, die Lernprozesse begleiten, ohne Lösungen vorzugeben: „Diese geben nicht einfach Lösungen vor, sondern begleiten Lernprozesse und fungieren eher als digitale Lernbegleiter oder Nachhilfelehrkräfte.“ Ergänzt wird dies durch individualisiertes Feedback und adaptive Unterstützungsangebote. KI fungiert dabei als eine Art intellektueller Sparringspartner, der Lernprozesse anregt, strukturiert und vertieft, ohne das eigenständige Denken zu ersetzen.
Digitale Mündigkeit als Grundlage von Potenzialförderung
Der Einsatz von KI ist am CFG eng mit der Förderung von Reflexionsfähigkeit und eigenständigem Denken verbunden. Gerade vor dem Hintergrund neuer technologischer Möglichkeiten wird bewusst eine klare pädagogische Haltung eingenommen: „Ein großes Risiko von KI ist die Auslagerung des eigenen Denkens. Deshalb legen wir großen Wert darauf, dass Schülerinnen und Schüler weiterhin selbst denken und KI als Werkzeug nutzen.“ Diese Haltung wird durch konkrete Konzepte wie einen KI-Führerschein und durch Medienbildung im Unterricht unterstützt. Ziel ist es, Schülerinnen und Schüler zu befähigen, ihre Lernprozesse aktiv zu steuern und verantwortungsvoll mit neuen Technologien umzugehen. Gleichzeitig eröffnet KI neue Zugänge zu Wissen und individuelle Lernwege: „Ähnlich wie beim Buchdruck früher können Menschen heute viel schneller auf Wissen zugreifen und es für ihre individuellen Lernwege nutzen“, so Urban.
Schulentwicklung als gemeinsame Haltung
Neben Konzepten und Technologien zeigt sich ein zentraler Erfolgsfaktor immer wieder: die gemeinsame Haltung im Kollegium. Schulleiter Reinold Mertens betont: „Die Haltung im Kollegium ist entscheidend dafür, ob sich solche Entwicklungen tatsächlich umsetzen lassen.“ Am CFG ist der Einsatz von KI daher kein isoliertes Innovationsprojekt: „Bei uns passt das Thema KI gut zu unserem Schulprogramm und zu unseren Leitideen. Deshalb wird dieser Weg auch vom Kollegium getragen.“ Diese gemeinsame Ausrichtung ermöglicht nachhaltige Entwicklung, auch wenn Veränderungen schrittweise erfolgen: „Natürlich sind nicht von Anfang an alle beteiligt, aber es gibt eine Gruppe von Vorreitern, die sich intensiver mit dem Thema beschäftigt hat.“
Potenzialförderung als gemeinsamer Entwicklungsprozess
Das Carl-Fuhlrott-Gymnasium zeigt exemplarisch, wie begabungs- und leistungsfördernde Schulentwicklung gelingen kann: durch systematische Strukturen, eine geteilte pädagogische Haltung und die enge Zusammenarbeit von Wissenschaft und Praxis. Die Arbeit im Rahmen von „Leistung macht Schule“ hat dazu beigetragen, Begabungsförderung breiter zu verankern, Potenziale gezielter zu erkennen und individuelle Lernwege stärker zu unterstützen. Gleichzeitig zeigt das Beispiel des CFG, wie innovative Ansätze wie der Einsatz von KI sinnvoll in eine potenzialorientierte Schulentwicklung integriert werden können. Begabungsförderung wird so als das sichtbar, was sie im Kern ist: ein kontinuierlicher Entwicklungsprozess, der Unterricht und Schule gleichermaßen prägt und weiterentwickelt.
