Aus Erfahrung wird Transfer
Zu Gast an der Lucas-Cranach-Grundschule in Kronach
Wie gelingt es, Unterricht gemeinsam weiterzuentwickeln und Erfahrungen so zu teilen, dass auch andere Schulen davon profitieren? An der Lucas-Cranach-Grundschule Kronach gehört diese Frage inzwischen zum Schulalltag. Die Grundschule nimmt seit 2018 an der Bund-Länder-Initiative „Leistung macht Schule“ teil und begleitet heute als Multiplikatorschule andere Schulen auf ihrem Weg zu einer begabungs- und leistungsfördernden Schul- und Unterrichtskultur.
Beim gemeinsamen Hospitationstag mit der Anger-Grundschule Hof und der Grundschule Wilhelmsthal wurde sichtbar, wie aus gemeinsamer Schulentwicklung gelebte Netzwerkarbeit wird. Im Mittelpunkt standen mit Lesson Study und Literarische Unterrichtsgespräche nicht nur zwei Unterrichtskonzepte, sondern vor allem die Frage, wie Lehrpersonen gemeinsam Unterricht reflektieren, voneinander lernen und dadurch die Potenziale ihrer Schülerinnen und Schüler besser fördern können.
Schulentwicklung beginnt mit einer gemeinsamen Haltung
Die Lucas-Cranach-Grundschule liegt im oberfränkischen Kronach und wird von mehr als 470 Schülerinnen und Schülern besucht. Als Profilschule Inklusion, mit bilingualen Klassen, gebundenem Ganztag und Deutschklassen zeichnet sie sich durch eine besonders heterogene Schüler:innenschaft aus.

Für Melanie Simon, Mitglied der Schulleitung und LemaS-Koordinatorin, passt die Teilnahme an LemaS deshalb unmittelbar zum pädagogischen Selbstverständnis der Schule:
„Wir nehmen seit 2018 an der bundesweiten Initiative Leistung macht Schule teil. Das fokussiert die individuelle Förderung der Kinder auf ihrem jeweiligen Leistungsniveau. Und das entspricht genau unserem Leitsatz: Fördern durch Fordern.“
Mit LemaS sei nicht nur ein neues Konzept an die Schule gekommen. Vielmehr habe sich der Blick auf Unterricht und Schulentwicklung verändert. Gemeinsam mit dem wissenschaftlichen LemaS-Team von Prof. Dr. Miriam Vock (Universität Potsdam) arbeitete die Schule zunächst mit dem Konzept Lesson Study, einer Form der kooperativen Unterrichtsentwicklung, bei der Lehrpersonen Unterricht gemeinsam planen, beobachten und reflektieren.
„Wir wurden wissenschaftlich sehr eng begleitet, hatten tolle Fortbildungen, Hospitationsangebote in ganz Deutschland und konnten uns mit anderen Schulen vernetzen“, berichtet Melanie Simon. „Seit 2023 liegt der Schwerpunkt auf dem Transfer, dem Austausch und der Vernetzung.“
Vom eigenen Lernen zum Lernen im Netzwerk
Mit Beginn der Transferphase veränderte sich auch die Rolle der Schule. Aus einer Projektschule wurde eine Multiplikatorschule.
Gemeinsam mit der Anger-Grundschule Hof und der Grundschule Wilhelmsthal entstand ein regionales Netzwerk, in dem unterschiedliche Schwerpunkte zusammengeführt werden. Während die Lucas-Cranach-Grundschule ihre Erfahrungen mit Lesson Study einbringt, verfügt die Anger-Grundschule über langjährige Expertise im Bereich Literarische Gespräche. Ein LemaS-Schwerpunkt, der von Prof. Dr. Johannes Mayer und seiner wissenschaftlichen Mitarbeiterin Caterina Mempel (Goethe Universität Frankfurt) im Forschungsverbund LemaS verantwortet wird. Der Schwerpunkt Literarische Gespräche unterstützt Multiplikator:innen sowie Lehrpersonen dabei, literarische Unterrichtsgespräche im Fach Deutsch mit Hilfe der Wortkünstler-Materialien bedarfsorientiert und begabungsfördernd zu planen, durchzuführen und zu reflektieren.
„Durch gemeinsame Fortbildungen, Hospitationen und Treffen wurde die Idee geboren, unsere beiden Schwerpunkte miteinander zu verbinden“, erzählt Melanie Simon. „Wir wollten mutig sein und ausprobieren, wie sich beide Konzepte gegenseitig bereichern können.“
Der Hospitationstag in Kronach machte genau diese Idee sichtbar: Lehrpersonen verschiedener Schulen beobachteten gemeinsam ein Literarisches Gespräch, reflektierten anschließend die Lernprozesse der Kinder und entwickelten gemeinsam neue Perspektiven für ihren eigenen Unterricht.

Der Blick richtet sich auf das Lernen der Kinder
Was die Zusammenarbeit im Netzwerk besonders macht, ist für die Beteiligten vor allem ein Perspektivwechsel: Nicht die Lehrperson steht im Mittelpunkt, sondern die Lernprozesse der Schülerinnen und Schüler.
„Der Fokus bei Lesson Study liegt wirklich auf dem Beobachten des Lernens und des Denkens der Schülerinnen und Schüler“, erklärt Melanie Simon. Gerade deshalb passe das Konzept so gut zu den Literarischen Gesprächen: „Auch dort kann man die Äußerungen, das Denken und die kognitive Aktivität der Kinder besonders gut beobachten.“
Auch Simone Eichner, Schulleiterin der Anger-Grundschule Hof, sieht darin einen entscheidenden Mehrwert:
„Wenn man selbst das Literarische Gespräch leitet, ist man sehr mit dem Gespräch beschäftigt. Da ist es total hilfreich, wenn andere Expertinnen und Experten außen sitzen, die ganz bestimmte Dinge beobachten und anschließend Feedback geben.“
Durch diese gemeinsame Beobachtung entstehen neue Erkenntnisse darüber, wie Kinder lernen, denken und sich aktiv am Unterricht beteiligen.

Begabungsförderung gemeinsam weiterdenken
Für die Lehrpersonen bedeutet das zugleich eine neue Form der Zusammenarbeit: Unterricht wird nicht mehr allein vorbereitet und reflektiert, sondern gemeinsam entwickelt. Beobachtungen werden geteilt, unterschiedliche Perspektiven zusammengeführt und konkrete Schlussfolgerungen für die weitere Unterrichtsgestaltung gezogen.
„Wir haben Lesson Study inzwischen in fast allen Jahrgangsstufen eingeführt“, berichtet Melanie Simon. Dabei richte sich der Blick längst nicht mehr ausschließlich auf besonders leistungsstarke Kinder.
„Wir haben unseren Fokus erweitert. Heute beobachten wir beispielsweise auch Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf und fragen uns, wie bestimmte Methoden auf diese Kinder wirken.“
Damit zeigt sich ein zentrales Anliegen von LemaS: Begabungs- und Leistungsförderung bedeutet, die Potenziale aller Schülerinnen und Schüler wahrzunehmen und passende Lerngelegenheiten für ihre individuelle Entwicklung zu schaffen.
Vernetzung schafft neue Perspektiven
Der Hospitationstag zeigte zugleich, wie wichtig der Austausch zwischen Schulen für nachhaltige Schulentwicklung ist. Für Petra Scherbel, Schulleiterin der Grundschule Wilhelmsthal, die als Transferschule von den Erfahrungen der Lucas-Cranach-Grundschule profitiert, liegt genau darin der größte Gewinn: „Wir reden viel, bekommen viel Handwerkszeug an die Hand und probieren es gleich aus.“ Besonders wertvoll sei die Offenheit innerhalb des Netzwerks. „Es ist alles transparent. Jeder gibt seine Materialien weiter und jeder möchte, dass die anderen davon profitieren.“
Auch neue Kolleginnen und Kollegen erleben diese Kultur des gemeinsamen Lernens unmittelbar. Lehrer Mario Rubelt, der erst seit kurzer Zeit an der Schule arbeitet, beschreibt seinen ersten Eindruck so: „Besonders spannend finde ich, dass der Fokus nicht auf der Lehrperson liegt, sondern auf dem Lernprozess der Schülerinnen und Schüler.“ Neue Ideen würden anschließend gemeinsam in den Jahrgangsteams diskutiert und an die eigene Unterrichtspraxis angepasst.
Mut zur Entwicklung
Was die Lucas-Cranach-Grundschule heute auszeichnet, ist nicht ein einzelnes Konzept. Es ist eine Haltung. LemaS hat dazu beigetragen, Unterricht als gemeinsamen Entwicklungsprozess zu verstehen, wissenschaftliche Erkenntnisse mit der Schulpraxis zu verbinden und Erfahrungen über die eigene Schule hinaus weiterzugeben.
Für Schulen, die ähnliche Wege gehen möchten, hat Melanie Simon deshalb eine klare Empfehlung:
„Seien Sie offen und mutig. Suchen Sie sich Ansprechpartner, vernetzen Sie sich und probieren Sie Dinge aus. Wichtig ist, Konzepte nicht einfach zu übernehmen, sondern sie an die eigene Schule und die eigene Schülerschaft anzupassen.“
Auch Simone Eichner bringt die Erfahrungen der vergangenen Jahre auf einen einfachen Satz: „Man muss einfach anfangen.“
Genau darin zeigt sich die Entwicklung der Lucas-Cranach-Grundschule: Aus einer Schule, die selbst neue Wege erprobt hat, ist eine Schule geworden, die ihre Erfahrungen heute mit anderen teilt und so gemeinsam mit ihrem Netzwerk Begabungs- und Leistungsförderung weiterentwickelt.
Sie möchten die Methoden ausprobieren?
Hier finden Sie die beiden Methoden mit kostenlosen Anleitungen zum Ausprobieren.
