Im wissenschaftlichen Diskurs werden dem Ansatz des Forschenden Lernens im Kontext naturwissenschaftlicher Bildung zahlreiche Potenziale zugeschrieben. Doch trotz Evidenzen zu positiven Wirkungen auf Motivation und Interesse der Lernenden sowie auf Fähigkeiten kritischen Denkens oder akademische Leistungen von Schüler:innen und zahlreicher veröffentlichter Unterrichtskonzeptionen und -materialien hat das Forschende Lernen bisher wenig Eingang in den Regelunterricht gefunden. Eine ähnliche Diskrepanz zwischen wissenschaftlichem Diskurs und Unterrichtspraxis zeigt sich im Umgang mit Ungewissheit. Während Ungewissheit als zentrales und immanentes Moment Forschenden Lernens in den Naturwissenschaften beschrieben wird, wird sie in der Unterrichtspraxis oft nicht thematisiert oder gar gemieden. Mit dem Ziel sich den zugrundeliegenden Mechanismen dieser Diskrepanz anzunähern, geht die Studie über leitfadengestützte Einzelinterviews (n = 12) der Frage nach, wie praktizierende Naturwissenschaftslehrer:innen mit den Anforderungen des Forschenden Lernens und den sich daraus ergebenden Ungewissheiten umgehen. Die entwickelte Grounded Theory zeigt, dass Lehrer:innen naturwissenschaftlicher Fächer bei der Realisierung Forschenden Lernens ein unauflösbares Spannungsverhältnis zwischen der Norm der Offenheit und der Zielorientierung erleben. Dieses ergibt sich zum einen aus der permanenten Gegenüberstellung Forschenden Lernens und sogenanntem normalen Unterricht. Zum anderen wurde deutlich, dass im Erleben der Lehrer:innen im Konzept des Forschenden Lernens in sich Spannungen angelegt sind. Die rekonstruierten Umgangsweisen der Lehrer:innen lösen das Spannungsverhältnis zwischen Offenheit und Zielorientierung in vielen Fällen vorläufig zu einem der Pole auf. Sie lassen sich dabei als eine Veränderung (I) der Sache, also dem Forschenden Lernen, (II) der Anderen, also der Schüler:innen bzw. dem System Schule, oder (III) der eigenen Person konzeptualisieren.
In J.-H. Hinzke & R. Spronken-Smith, (Hrsg.), Forschendes Lernen in der Lehrer*innenbildung und darüber hinaus. Eine kritische Zwischenbilanz, Zeitschrift für Bildungsforschung, Volume 16, pages 209–230.
Ertragen oder Verändern? Zum Umgang von Naturwissenschaftslehrer:innen mit Antinomien beim Forschenden Lernen
Autor:in: Lübke, B., Schwanewedel, J. & Stangen, I. (2025) Erschienen in: Springer Veröffentlicht: 22. Dezember 2025 Schlagwörter: Antinomien | forschendes Lernen | Grounded Theory | Lehrerinterviews | Lehrerprofessionalität | MINT-Unterricht | Naturwissenschaftsdidaktik | Qualitativ-empirische Forschung | Ungewissheit im Unterricht | Unterrichtspraxis More DetailsIm wissenschaftlichen Diskurs werden dem Ansatz des Forschenden Lernens im Kontext naturwissenschaftlicher Bildung zahlreiche Potenziale zugeschrieben. Doch trotz Evidenzen zu positiven Wirkungen auf Motivation und Interesse der Lernenden sowie auf Fähigkeiten kritischen Denkens oder akademische Leistungen von Schüler:innen und zahlreicher veröffentlichter Unterrichtskonzeptionen und -materialien hat das Forschende Lernen bisher wenig Eingang in den Regelunterricht gefunden. Eine ähnliche Diskrepanz zwischen wissenschaftlichem Diskurs und Unterrichtspraxis zeigt sich im Umgang mit Ungewissheit. Während Ungewissheit als zentrales und immanentes Moment Forschenden Lernens in den Naturwissenschaften beschrieben wird, wird sie in der Unterrichtspraxis oft nicht thematisiert oder gar gemieden. Mit dem Ziel sich den zugrundeliegenden Mechanismen dieser Diskrepanz anzunähern, geht die Studie über leitfadengestützte Einzelinterviews (n = 12) der Frage nach, wie praktizierende Naturwissenschaftslehrer:innen mit den Anforderungen des Forschenden Lernens und den sich daraus ergebenden Ungewissheiten umgehen. Die entwickelte Grounded Theory zeigt, dass Lehrer:innen naturwissenschaftlicher Fächer bei der Realisierung Forschenden Lernens ein unauflösbares Spannungsverhältnis zwischen der Norm der Offenheit und der Zielorientierung erleben. Dieses ergibt sich zum einen aus der permanenten Gegenüberstellung Forschenden Lernens und sogenanntem normalen Unterricht. Zum anderen wurde deutlich, dass im Erleben der Lehrer:innen im Konzept des Forschenden Lernens in sich Spannungen angelegt sind. Die rekonstruierten Umgangsweisen der Lehrer:innen lösen das Spannungsverhältnis zwischen Offenheit und Zielorientierung in vielen Fällen vorläufig zu einem der Pole auf. Sie lassen sich dabei als eine Veränderung (I) der Sache, also dem Forschenden Lernen, (II) der Anderen, also der Schüler:innen bzw. dem System Schule, oder (III) der eigenen Person konzeptualisieren.
In J.-H. Hinzke & R. Spronken-Smith, (Hrsg.), Forschendes Lernen in der Lehrer*innenbildung und darüber hinaus. Eine kritische Zwischenbilanz, Zeitschrift für Bildungsforschung, Volume 16, pages 209–230.
https://doi.org/10.1007/s35834-025-00525-1